Lenné-Gesellschaft Bonn e.V.
Lenné-Gesellschaft Bonn e.V.

Der Ausbau der der Autobahn A565 („Tausendfüßler) und die Durchgrünung von Bonn

Positionspapier der Lenné-Gesellschaft Bonn e. V. vom 18.06.20211

 

 

Die Lenné-Gesellschaft Bonn setzt sich für den Schutz und Erhalt des Erbes von Peter Joseph Lenné, dem zweiten großen Sohn der Stadt Bonn, ein. Aus diesem Selbstverständnis ergibt sich unmittelbarer Handlungsbedarf, den verbliebenen Lenné-Park am „Endenicher Ei“ vor weiterer Zerstörung zu schützen, was bedeutet, die Verbreiterung des „Tausendfüßlers“ A565
zu verhindern.

 

Schon vor 162 Jahren hatte der große Landschafts- und Städteplaner Peter Joseph Lenné in der aufkommenden Industrialisierung bahnbrechende Vorschläge zu einer gesunden Stadtentwicklung
vorgelegt, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben:
1859 wurde im Zuge der Ausbreitung der Industrialisierung in Dresden der preußische Gartenbaudirektor Peter Joseph Lenné von der Stadt Dresden um Pläne und Gutachten für die „Bürgerwiese“ und andere städtische Anlagen gebeten. Lenné sah die Gefahren der
Industrialisierung für die Gesundheit der Bevölkerung und empfahl u. a. neben einem Volkspark, der „Bürgerwiese“, Alleen mit Bäumen verschiedener heimischer und nicht-heimischer Gehölze einzurichten, denn „Bäume sind die Lungen der Stadt“2. Außerdem sollte auf Frischluft für die Stadt geachtet werden.
1989, zum Jubiläum des 200. Geburtstages von Peter Joseph Lenné, plädierte der Landschaftsarchitekt F. W. Peters, für einen „Grüngürtel“ im Bonner Norden und nannte als erstrebenswertes Ziel für eine Kommune - ganz im Sinne von Lenné - dass nur 50 % eines
Wohngebietes bebaut werden, der Rest müsse grün bleiben. Peters war überzeugt: „Die Oberfläche der Erde gehört der Natur, nicht dem Verkehr.“3
Fast 40 Jahre später, 2020, als die gravierenden Auswirkungen des Verkehrs auf das Klima und Natur allgemein bekannt waren, scheinen der Bund (mit dem Bundesverkehrswegeplan), das Land NRW und der Stadtrat von Bonn davon leider noch nichts gehört zu haben, denn diese bekräftigen, dass die Bonner Autobahn 5654 innerstädtisch auf mehr als das Doppelte (!) erweitert werden soll.
Lärmschutzwände bis zu 14 m hoch (!) sollen die Bevölkerung vor Lärm schützen. Für den Ausbau der A565 zwischen Endenich und Autobahnkreuz Bonn-Nord soll die bestehende versiegelte Fläche
von 27.005 m² um zusätzliche 34.250 m² (gemäß StraßenNRW) erweitert werden, das sind 127 % mehr als der Ist-Zustand; wir schätzen die neu versiegelte Fläche sogar auf ca. 88.000 m². In der folgenden Abbildung haben wir das geplante „Baufeld“ zwischen dem „Endenicher Ei“ (links) und dem Autobahnkreuz Nord (rechts) schwarz eingezeichnet. Die Grünflächen zwischen schwarzerm Linie und der jetzigen Autobahn A565 werden durch die massive Verbreiterung und Erweiterung sowie die Baumaßnahmen unwiederbringlich versiegelt.

 

Quelle: „Vereinfachte Luftbildübersicht“ aus https://www.bonnbewegt.de/ (Juni 2020). Einzeichnung R. Gerber

 

Eine Kompensation für innerstädtisch verlorene Grünstreifen an der A565, aber auch der Verlust der innerstädtischen parkähnlichen Anlagen soll (marginal) außerhalb des inneren Stadtgebiets auf der anderen Rheinseite bei Schwarzrheindorf in den Rheinauen geschaffen werden.


Für den Ausbau der Autobahn A595 schätzen wir, alleine für den Bonner Bereich, den Grünverlust und die zusätzliche Versiegelung auf ca. 95.000 m². Die folgende Abbildung markiert den Streckenverlauf der A59 auf Bonner Stadtgebiet. Die bisher 6-spurige A59 wird, auf jeder Seite, um ca. 10 m verbreitert, um Standstreifen zu bauen.

 

Bonn-Beuel: Quelle: Google Earth. Einzeichnung R. Gerber

 

Die beiden beschriebenen Baumaßnahmen A565 und A59 führen zu einer Versiegelung von insgesamt 183.000 m² allein auf Bonner Stadtgebiet. Diese Fläche entspricht 18 ha Land oder 174 Fußballfeldern und ist wesentlich größer als die 11 ha große Kölner Flora, die Botanischen Gärten Kölns.
Der Wunsch von Bürger*innen und Bundestagsabgeordneten nach einem staufreien MIV (Motorisierter Individual-Verkehr) führt zu weiterer Versiegelung und Umweltverschmutzung, Verschlechterung des lokalen Klimas und Erhöhung der Treibhausgasemissionen.
Mögliche Umweltschäden für Tiere werden in einem Spezialgutachten des Planfeststellungsverfahrens behandelt; es gibt aber kein umweltmedizinisches Gutachten, das die Menschen in der
Stadt betrifft. Diese Tatsache hat zu einer Einwendung gegen das Planfeststellungsverfahren geführt.6 Diese Vernachlässigung umweltmedizinischer Fakten wiegt umso schwerer, weil Bonn am
22./23.08.2020 nachts als die heißeste Stadt in NRW7 mit der Gefahr von Hitzetoten8 und im Jahre 2011 als die lauteste Stadt in NRW gemessen wurde.9


Gesundheitliche Auswirkungen von Umweltbelastungen
 

Nach veröffentlichten Daten der WHO und der EUA sind 13 % der Todesfälle weltweit „vorzeitig Tote wegen Umweltverschmutzung und Lärm“. Neuere Studien nach Messung der Feinstaub-Emissionen PM2,5 belegen, dass die Zahl der vorzeitig Toten noch höher liegt, bei 18 % und höher.10 Dieses würde statistisch gesehen für Bonn eine Zahl von 503 vorzeitig Toten pro Jahr wegen Umweltverschmutzung und Lärm bedeuten.
Diese Zahl liegt zur Zeit weit über der Zahl der vorzeitig Toten wegen der jetzigen Corona-Pandemie.


2021: Aus obigen Gründen schlagen wir folgende Maßnahmen vor:

  • Die Autobahnen A565 und A59 sollten aus Gründen einer Schutzverpflichtung des Staates gegenüber der Gesundheit der Bevölkerung nicht erweitert werden.
  •  Der Lenné-Park in Endenich sollte für die Bewohner von Endenich und der Weststadt wiederhergestellt und erweitert werden.
  •  Die Stadt sollte auf die laufenden Planfeststellungsverfahren A565 und A59 hinsichtlich der Bewertung der Treibhausgasemissionen Einfluss nehmen.

 

Gedanken zu einer Strategie für Freiräume/Grünräume

(von Sigurd Trommer)
Die stadtentwicklungsrelevante Problematik liegt bei stark nachgefragten Standorten wie Bonn darin, dass die Vielzahl der ökonomischen Argumente für bauliche Entwicklungen häufig die
Argumente für die Lebensqualitäten der Freiräume und damit zumeist auch der Stadt überwindet. Die ökonomischen Argumente sind eher kurzfristig und eindimensional angelegt. Die Lebensqualitäten der Freiräume entfalten sich dagegen eher langfristig und komplex und erfordern Argumentationen für einen sehr langfristigen Zeithorizont. Eine geeignete Strategie dafür wäre, das Bewusstsein in der Bevölkerung für Freiräume/Grünräume zu wecken, dauerhaft zu erhalten und zu stärken. Grünraumpolitisch ist die grundsätzliche Aufgabe, die Grünräume gegen eine bauliche
Inanspruchnahme zu tabuisieren, wie es mit dem beidrheinseitigen Rheinauenpark ganz gut gelungen ist. Diese Tabus müssen vorausschauend erzeugt und in der Bürgerschaft verankert
werden. Die Erhaltung und Aufwertung innerstädtischer „grüner Trittsteine“ (= Freiräume) sowie deren Vernetzung ist eine wertvolle und gut zu vermittelnde stadtentwicklungspolitische Daueraufgabe. Eine Intensivierung der Grünraumpolitik zur Stärkung der Lebensqualität der Stadt Bonn wäre, die innere Freiraumvernetzung mit den Stadtrandgrünräumen in einen Kontext zu bringen, um eine siedlungsbreiähnliche Struktur der Region KölnBonn aufzuhalten. Mit dem Grünzug Bonn-Nord und seiner Weiterentwicklung zum „Grünen C“ ist ein wertvoller Landschaftspuffer im Norden zwischen Kottenforst/Vorgebirge und Ennert entstanden, der aber noch weit davon entfernt ist, eine Tabu-Qualität zu erlangen. Dieses „Grüne C“ besser mit den inneren Freiraumvernetzungen zu strukturieren und zu stabilisieren und aufzuwerten wäre eine weitere wichtige Aufgabe. Demgegenüber sind die beidrheinseitigen Siedlungsstrukturen im
Bonner Süden leider mit Königswinter/Bad Honnef sowie Remagen-Rolandseck verwachsen und nicht mehr durch geeignete Landschaftspuffer zu unterbrechen. Hier sollte man aber punktuelle
Grünräume stabilisieren und aufwerten. Die Höhenzüge im Osten und Westen Bonns haben eine einigermaßen stabile Freiraumqualität, sollten baulich aber nicht weiter angetastet werden.


Ausblick
Die Schutzverpflichtung des Staates ist weitreichend. Der Staat muss alles tun, was er kann, um das Leben seiner Bürger zu schützen. So urteilte das Bundesverfassungsgericht am 24. März 2021: „Die aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG folgende Schutzpflicht des Staates umfasst auch die Verpflichtung, Leben und Gesundheit vor den Gefahren des Klimawandels zu schützen.“11
Für Feinstaub-Konzentrationen empfiehlt die WHO zweimal niedrigere Grenzwerte als zurzeit in der EU normiert. Zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt ist diese große Diskrepanz (zwischen den von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Höchstwerten und den aktuell geltenden EU-Normen) umgehend zu korrigieren.
Dazu schreibt der Meteorologe Karsten Brandt12: „Ohne wirkliche Maßnahmen wird der Feinstaubgehalt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten den WHO-Grenzwert nicht erreichen und somit auch nicht im gesundheitsschädigendem Bereich verlassen. Was dazu kommt, ist, dass die offiziellen Messungen eindeutig nicht die Realität widerspiegeln und die „wahren“ Zahlen noch viel weiter vom Ziel entfernt sind“. Brandt fährt fort: „Der Flächenverbrauch des Autos vor der Haustür und in der Stadt ist groß. Aus Parkhäusern Wohnraum und aus Parkflächen Grünflächen zu machen, ist das Gebot der Stunde, um der dramatischen Hitze in der Stadt im Sommer entgegenzuwirken. Grün wirkt hier Wunder.“


Was hätte Peter Joseph Lenné seiner Geburtsstadt Bonn vermutlich geraten?

  • Viele Bäume, Sträucher und Blumen in Grünanlagen und an Straßen pflanzen, und zwar heimische und nicht-heimische Arten, die das neue Klima vertragen können
  •  Für die Gesundheit der Bevölkerung sorgen
  • Das Nützliche (Wohnraum, Wege, Grünanlagen) mit dem Schönen verbinden, denn das Schöne trägt zur Gesundung des Menschen bei
  • Grüne Räume der Entspannung und Erholung für gestresste Bonner*innen schaffen
  • Die angesprochenen massiven Flächenversiegelungen und die Vernichtung von Grün durch Straßenerweiterungen nicht durchführen 

                  

 

Zitierte Literatur

 1 Beiträge von (in alphabetischer Reihenfolge): Jost Brökelmann, Raimund Gerber,          Heinz Hahn, Linda Mattern, Ingeborg Nolden,, Sigurd Trommer
 2 Gerhard Hinz. Peter Joseph Lenné. Landschaftsgestalter und Städteplaner. 

    Musterschmidt Göttingen 1977, S. 73            
 3 F. W. Peters. Grünes Bonn - grüne Region. Ein Beitrag zum 200. Geburtstag von P.        J. Lenné. Quelle: Städtebauseminar 1988/89 „Ideen für Bonn und die Region:                Planungsziele und Realisierung aus vier Jahrzehnten“. Stadtarchiv Bonn, Signatur        89/236
 4 A565: https://www.bvwp-projekte.de/strasse/A565-G10-NW/A565-G10-NW.html
 5 A59: https://www.bvwp-projekte.de/strasse/A59-G90-NW/A59-G90-NW.html
 6 https://www.lenne-bonn.de/lenn%C3%A9-park-bonn-endenich-a565/a565-                 umweltmedizin/
 7 General-Anzeiger Bonn 22./23.08.2020
 8 https://www.domradio.de/themen/soziales/2019-07-27/wir-reden-von-vermeidbaren-todesfaellen-chefarzt-fordertanerkennung-von-hitzewelle-als
 9 https://www.express.de/bonn/aufstand-gegen-den-krach-bonn-ist-die-lauteste-stadt-in-nrw-28113794?cb=1624026703805
10 https://www.seas.harvard.edu/news/2021/02/deaths-fossil-fuel-emissions-higher-previously-thought
11  https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/rs20210324_1bvr265618.html
12 Karsten Brandt. Deckel drauf! Die Luft im Rheinland und wie sie endlich besser    wird! 2020 Kid Verlag               

 

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